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«Digitale Medien vereinfachen das Lernen stark»

Wie sieht Lernen und Studieren in Zukunft aus? Markus Dormann, neuer Leiter des Departements E-Didaktik an der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS), gab Persorama dazu Auskunft und erläuterte auch Tools sowie Methoden der E-Didaktik.
13. Mai 2019 Michaela Geiger

Persorama: Was genau muss man sich unter E-Didaktik vorstellen?

Markus Dormann: Die E-Didaktik befasst sich mit Lehr- und Lernprozessen, welche mittels (neuen) digitalen Medien vermittelt werden. Konkret geht es bei solchen Prozessen dabei beispielsweise um Blended-Learning-Konzepte, den Einsatz interaktiver Lernvideos, Virtual und Augmented Reality sowie adaptive Lernsysteme bzw. den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in Verbindung mit Lernen. Diese digitalen Medien können Kurse und Lerninhalte auf die individuellen Bedürfnisse der Lerner (Lernfortschritt, Lerntyp) abstimmen.

 

Sie setzen das an der Hochschule ein. Ist das ein Konzept, das sich auch in Unternehmen realisieren lässt?

Ja, unbedingt. Der Aufbau einer individuellen Lernkultur ist ein wesentlicher strategischer Aspekt in Unternehmungen und diversen Institutionen. Dies haben wir früh erkannt und bei der Konzeption unserer neuen Studiengänge Master of Advanced Studies in Digital Education sowie den Modulen des Certificate of Advanced Studies (CAS) in eDidactics berücksichtigt. Diese Weiterbildungsangebote beschäftigen sich genau mit diesem Thema und sprechen viele Aus- und Weiterbildungsverantwortliche aus Unternehmen an, die berufsbegleitend bei uns studieren.

 

Worauf kommt es dabei an?

Hier geht es immer um die richtige Kombination. In der Didaktik ist es wichtig, dass man sich die individuellen Voraussetzungen und Lernziele jeweils genau ansieht: Welche Lernziele habe ich? Welche Ausgangskompetenzen liegen bei den Lernenden vor? Was bringen die Lehrenden mit? Wie ist die jeweilige Unternehmung aufgestellt? Die Beantwortung dieser wesentlichen Fragen führt dann zu einer passgenauen Planung der Aus- und Weiterbildung. Hierfür haben wir aus der Didaktik zahlreiche Modelle (z. B. das entwickelte LERN-Modell der Medienplanung), die uns in diesen Planungsprozessen helfen und sich auch in der Praxis bewährt haben. 

 

Inwieweit ist mit E-Didaktik auch eine neue Art des Lernens verbunden?

Mit der E-Didaktik reagieren wir ein Stück weit auch auf eine sich zunehmend schneller verändernde Arbeits- und Lebenswelt. In dieser besitzen schliesslich Medien eine enorme Bedeutung – denken Sie beispielsweise an die Entwicklung der Mobiltelefone und deren Funktionen in den letzten zehn Jahren. Eine moderne E-Didaktik denkt aus zwei Perspektiven: Sie greift auf, welche Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt in einzelnen Berufsfeldern benötigt werden und vermittelt diese. Weiterhin setzt sie digitale Medien ein, um Lehr- und Lernprozesse zu optimieren und effektiver und effizienter zu machen.

 

Nutzen Sie an der FFHS auch noch bewährte analoge Lernmethoden bzw. –medien?

Ja, selbstverständlich, in den Präsenzveranstaltungen. Digitale Medien sollen immer dann genutzt werden, wenn sie einen Mehrwert bieten. Das ist ein wichtiger Aspekt. Konkret bedeutet dies: Eine gut ausgearbeitete Flipchart-Präsentation kann Lerninhalte durchaus optimal vermitteln und genau das richtige Medium sein. Gleichzeitig kann eine interaktive Präsentation mit Umfragen mittels Mobiltelefonen bzw. dem Einsatz von Augmented Reality oder Virtual Reality in einem anderen Lernsetting das beste Medium zur Wissensvermittlung darstellen. Insgesamt stellen wir fest, dass uns die neuen Medien neue Möglichkeiten bieten, die wir uns teilweise vor wenigen Jahren noch gar nicht als realisierbar vorgestellt haben. Hier ist die Entwicklung extrem schnell und sehr spannend zu beobachten.

 

Wie unterscheidet sich dieses von bisherigen Konzepten und der bisherigen Lernpraxis?

Insbesondere unterscheidet sich, dass wir zunehmend andere Kompetenzen vermitteln müssen. Hier reagieren wir darauf, dass unser Arbeitsleben immer mehr das Lösen von komplexen Problemen als Anforderung stellt. Diese werden oftmals in interdisziplinären und interkulturellen Teams bearbeitet. Wir vermitteln also andere Kompetenzen und nutzen dabei oftmals digitale Medien. Konkret geht es auch um kritisches Denken, Kollaboration, Kommunikation, Kreativprozesse (die sogenannten 21st century skills), wobei mir der Ansatz der Handlungskompetenz als besser ausgearbeitet erscheint. Wir versuchen also, die Lernenden in Lernprozessen auf die sich stets wandelnden Herausforderung der Arbeits- und Lebenswelt vorzubereiten, indem wir dafür nötige Kompetenzen fördern. 

 

Wie wird sichergestellt, dass das so vermittelte Wissen in den Köpfen der Studierenden hängen bleibt?

Hier gib es kein entweder/oder bzw. Schwarz/Weiss-Denken. Wir wissen aus der Forschung, dass es unterschiedliche Lerntypen gibt (visuell, auditiv, kommunikativ, motorisch). Diese Aspekte lassen sich mittels neuer Medien sehr gut berücksichtigen: Beispielsweise bedienen interaktive Lernvideos optimal einen visuellen Lerntyp. Das Erstellen solcher Lernvideos hat weiter einen stark kommunikativen Charakter, was beispielsweise einem kommunikativen Lerner sehr entgegen kommt. Übrigens noch als Randbemerkung: die Stifte der Tablets oder Convertibles werden immer besser; hier haben wir bereits jetzt nahezu das Erlebnis eines Schreibens mit klassischen Stiften erreicht.

 

Arbeiten Sie auch mit Augmented Reality oder welches sind genau die Tools und Methoden von E-Didaktik?

Augmented Reality und Virtual Reality sind natürlich zwei sehr spannende Techniken der E-Didaktik. Im Forschungsbereich evaluieren wir den Einsatz solcher Medien an der FFHS bereits seit Längerem. Für einige Lernaufgaben ist der Einsatz dieser Techniken bereits denkbar und wird auch ausgeführt. Weitere digitale Medien, die wir nutzen, sind beispielsweise intelligente Lern-Management-Systeme. Zunehmend versuchen wir auch adaptives Lernen zu implementieren. Das heisst, dass sich die Kurse an das individuelle Lernen der Kursteilnehmer anpassen. Im Moment sind auch interaktive Lernvideos ein spannendes Thema, welches an der FFHS zunehmend zum Einsatz kommt. Zudem gibt es eine Reihe weiterer kleiner Lerntools, die interaktives Arbeiten in Gruppen, bessere Visualisierung, «Game Based Learning» online und somit ein ortsunabhängiges Studieren ermöglichen. Diese nutzen wir im Lernprozess jeweils dort wo es sinnvoll ist; natürlich auch in unseren Blended-Learning-Kursen und Studiengängen.   

 

Welche Arbeitsunterlagen erhalten dabei die Studierenden?

Unsere Studierenden erhalten verschiedene Unterlagen. Einerseits gibt es unsere Onlinekurse, in welchen die Studierenden mit verschiedenen Formaten/Tools lernen und üben können. Zudem erhalten sie auch noch gedruckte Unterlagen zu den jeweiligen Kursen. Mit dieser Kombination sprechen wir alle Lerntypen an und liegen dabei bei unseren Studierenden genau richtig. Das bestätigen uns immer wieder die Rückmeldungen unserer Absolventen. Hier liegt eine zwanzigjährige Erfahrung im Fernstudium vor. Das funktioniert sehr erfolgreich.

 

Was planen Sie an Neuerungen für die FFHS?

Gerade ist bei uns das bereits erwähnte Thema interaktive Lernvideos ein sehr wichtiges, welches wir intensiv ausbauen. Ansonsten sind wir bereits seit Längerem mit den genannten Entwicklungen und digitalen Lernmedien beschäftigt und implementieren diese immer, sobald es für den jeweiligen Studiengang passt. Hier spielt auch die Weiterbildung unserer Dozierenden eine zentrale Rolle. Hiermit sind wir gerade auch stark beschäftigt, um die bisher erfolgreiche didaktische Weiterbildung unser Dozentinnen und Dozenten weiter fortzuführen und zu verbessern.

 

Wie wird Lernen und Studieren in zehn Jahren aussehen?

Im Moment planen wir gerade im Rahmen der Fortbildung unser Dozentinnen und Dozenten unseren Fernstudientag, der sich mit der «Lehre in fünf Jahren» beschäftigt – und das ist schon herausfordernd. Zehn Jahre ist natürlich eine lange Zeit. Ich denke, wir werden in jedem Fall eine Anpassung der Lerninhalte an die individuellen Bedürfnisse der Lernenden erleben. Das bedeutet, dass wir jeden Lernenden genau dort abholen können, wo er steht und ihn gemäss seinem individuellen Lerntyp im Lernprozess begleiten können. Wir stimmen also z. B. die Wortwahl, das Lerntempo oder die Darstellung der Lerninhalte präzise auf ihn ab. Ich denke, dass auch die Kompetenzen sich weiter verschieben werden. Wir als Hochschule müssen uns also genau überlegen welche Kompetenzen wir vermitteln müssen, dass unsere Studierenden für den Arbeitsmarkt optimal aufgestellt sind. In erster Linie sind das Kompetenzen, welche nicht digitalisiert werden können. Träges Wissen wird hierbei noch stärker in den Hintergrund rücken. Zudem werden wir noch stärker unsere Lerner darauf vorbereiten, sich selbstständig Wissen anzueignen und dieses reflektieren zu können. Hier wird die technische Entwicklung stark Einfluss nehmen – denken Sie zum Beispiel an Simultanübersetzungen durch Computer in Unterhaltungen oder Arbeitsprozesse, die unter der Zuschaltung von Experten mittels AR-Brille erfolgen, was wir bereits jetzt in verschiedenen Berufen erleben. Insofern kann Lernen mehr von Technik bestimmt sein. Damit verbunden sind natürlich auch ethische Fragen, welche wir beantworten müssen. Insgesamt bin ich aber sehr positiv gestimmt, dass uns digitale Medien das Lernen stark vereinfachen und uns dabei auch motivieren (z. B. Game Based Learning). Sicherlich muss Lernen in zehn Jahren nicht nur digital passieren. Das Lesen eines Buches wird eine Form des Lernens sein, welche ich an einzelnen Stellen nicht missen möchte.

 

 

 

 

 


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