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Frauen in die IT! Aber wie?

In der Schweizer IT-Branche sind Frauen selten anzutreffen. Dabei sprechen gute Gründe dafür, sie für die digitale Arbeitswelt zu gewinnen. Vorschläge dazu gibt es viele, doch in der Statistik zeigt sich bislang kaum Bewegung.
25. November 2019 Michaela Geiger

In der Schweiz ist die Nachfrage nach ICT-Fachkräften in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Als Hochtechnologie- und Wissensstandort sei die Schweiz auf gut ausgebildete Fachkräfte in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) angewiesen, schreibt die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften im «MINT-Nachwuchsbarometer Schweiz». Von den gut 78 000 Vollzeitbeschäftigten in der IT, die das Bundesamt für Statistik (BfS) aktuell registriert, sind nur 14.5 Prozent Frauen. Damit liegt die Schweiz im europäischen Vergleich im unteren Mittelfeld.

Das Geschlechter-Ungleichgewicht in ICT-Berufsfeldern gilt laut einer Studie der Berner Fachhochschule aus zwei Gründen als problematisch:

  • Zentrale Schlüsseltechnologien werden von kaum diversifizierten Belegschaften konzipiert. Diese fehlende Vielfalt in Arbeits- und Projektteams verhindert Möglichkeiten zu innovativeren Produktentwicklungen.
  • Chancen auf gutbezahlte und herausfordernde Arbeitsplätze werden von Frauen wenig genutzt.

 

ICT hat bisher ein wenig attraktives Image

Bisher gelingt es offensichtlich nicht, das ungenutzte Potenzial an geeigneten Frauen auszuschöpfen. «Dies liegt unter anderem daran, dass das Image der ICT für viele junge Frauen wenig attraktiv ist oder sie sich eine ICT-Ausbildung nicht zutrauen», schreibt die Fachhochschule FHNW in einem Bericht über das Projekt «Attraktivität von ICT Berufen». Die Frage laute, wie das Image der ICT-Berufe verändert werden könne, um es für mehr Zielgruppen attraktiver zu gestalten.

Ein Hindernis scheint das techniklastige Image der ICT-Berufe zu sein. In den Alltagsvorstellungen der relevanten Zielgruppen ist ein Bild der ICT-Berufe dominant, in dem Technik und Programmieren die Profession stark prägen. Die Ausbildungen und Berufe der ICT seien aber in einem starken Wandel begriffen. Experten und Expertinnen, die während des FHNW-Projekts befragt wurden, wiesen immer wieder darauf hin, dass die Kompetenzen im Bereich Kommunikation und Teamarbeit immer wichtiger werden, weil sich die Berufe weg von der reinen Programmierung, hin zu einem breiten Anwendungsbereich bewegen. Der Beruf erfordert auch keine harte körperliche Arbeit, kombiniert Kreativität und Know-how und kann flexibel ausgeübt werden, ist also ideal für Frauen, eigentlich.

Den Einstieg von Frauen in IT-Berufe zu fördern ist nicht nur aus Gründen des Fachkräftemangels wünschenswert. Der Branchen-Dachverband ICT-Switzerland gibt in einem Positionspapier zu bedenken, dass durch die technische Entwicklung gerade diejenigen Jobs verschwinden könnten, in denen Frauen heute übervertreten seien. Es bestehe die Gefahr, dass Frauen durch die Digitalisierung abgehängt werden. Zudem ist es für Tech-Firmen ein Problem, wenn ihre von der ganzen Gesellschaft verwendeten Produkte mehrheitlich von Männern entwickelt werden.

Für Valérie Vuillerat, Unternehmerin und Initiatorin des IT-Frauennetzwerks «We Shape Tech», ist dies ein entscheidendes Argument. In einem Interview mit der Schweizer HR Fachzeitschrift Persorama (Ausgabe 02-2019) sagte sie: «Wir sind auf dem Weg in eine zunehmend technologisierte Welt. Wer IT-Kenntnisse hat, kann die Zukunft mitgestalten. Und hat einen Einfluss darauf, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die das Leben vereinfachen und Probleme lösen können. Es ist entscheidend dabei, das Potenzial von Frauen zu nutzen. Nur so können wir diese Welt gemeinsam gestalten und weiterentwickeln.»

 

Rezepte zwischen Frauenquote und Kulturwandel

Was ist zu tun, um mehr Frauen in die Schweizer IT-Branche zu bringen? Dass es zu wenig Frauen in der Tech-Branche und generell in Führungsetagen gibt, hat nach Einschätzung von Valérie Vuillerat vor allem mit einer männlich geprägten Kultur in Unternehmen zu tun. Diese sei für Frauen nur bedingt attraktiv. «Natürlich haben wir nicht 50 Prozent Studienabgängerinnen in den MINT-Fächern. Aber selbst wenn es nur durchschnittlich 30 Prozent oder weniger sind: Warum spiegelt sich das nicht in einem entsprechenden Frauenanteil in Unternehmensteams und auch Führungspositionen wider?»

Es braucht nach ihrer Einschätzung auch mehr Rollenmodelle. «Nur, wenn die IT-Branche attraktiver wird für Frauen, gibt es auch mehr Interessentinnen.» Heisst konkret: Systeme und Firmenkulturen müssen sich verändern, nicht die Frauen. An diesem Punkt setzt Valérie Vuillerat mit ihrer Firma Witty Works an. «Wir unterstützen Firmen unter anderem dabei, Stellenprofile so zu formulieren, dass sich Frauen überhaupt erst einmal bewerben. Das ist entscheidend.»

Was macht ein Job-Profil für Bewerberinnen attraktiv? «Eine Frau bewirbt sich dann, wenn sie den Eindruck gewinnt, die Stelle passt zu ihr. Auch die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung sollten aufgezeigt werden», sagt die Unternehmerin. Es gehe auch um einen weiblichen Sprachstil und dass ein Ausschreibungstext für ein Job-Angebot weder kompetitiv noch «militärisch» klinge. Valérie Vuillerat: «Also ist es nicht ratsam, Adjektive wie «kompetitiv», «leistungsstark» oder «ehrgeizig» zu verwenden, sondern eher Kompetenzen, Mindset und Teamgedanken zu betonen.»

 

Sechs Ansatzpunkte, um den Einstieg von Frauen in die IT zu fördern

Die Gründe für den Mangel an weiblichen Experten in der IT-Entwicklung sind vielfältig. Ebenso wie die Ansatzpunkte, um dieses Ungleichgewicht zu beseitigen. Silke Sünder ist Bereichsleiterin für Produktmanagement bei cape IT, einem Unternehmen, das massgeschneiderte Open Source Lösungen für ganz verschiedene Branchen anbietet. Sie beobachtet die Entwicklung am Arbeitsmarkt in ihrer Branche seit über 20 Jahren kritisch. Als langjährige Führungskraft in der IT hat sie sechs Ansatzpunkte, die helfen könnten, mehr weibliches Personal in IT-Firmen zu bekommen:

  1. Interesse bei Mädchen fördern. Schon in der Grundschule sollte es Angebote geben, um Kinder spielerisch an IT-Themen heranzuführen. Dafür muss natürlich ein Grundinteresse vorhanden sein. Und das ist öfter der Fall als angenommen. Je früher man so ein Interesse bei Mädchen fördert, desto seltener kann es bis zur Studien- oder Jobwahl verkümmern.
  1. Frauen, seid mutiger, appelliert Silke Sünder. «In meinem Job bei bei cape IT und auch in vorherigen Unternehmen habe ich viel zu oft Frauen erlebt, die sich zu wenig zutrauen und sich zu schnell verdrängen lassen. Denen möchte ich zurufen: Raus aus der Deckung, Mädels, es lohnt sich! Nur wenn Frauen im Job Mut aufbringen, dann bringen sie frischen Wind ins Unternehmen. Es gibt sogar Studien, die ergaben, dass Frauen in der IT-Branche sogar meist höher motiviert sind als ihre männlichen Kollegen. Nur unterschätzen Frauen ihr Können noch zu oft oder verkaufen sich beim Arbeitgeber unter Wert.»
  1. Männer, denkt nicht so starr.Natürlich kommt es im Arbeitsalltag zu Reibereien zwischen Männern und Frauen. Aus Erfahrung von Silke Sünder steckt oft eher ein Generationenproblem als ein Geschlechterproblem dahinter. «Ältere Männer kommen mit selbstbewussten, jungen Frauen manchmal schwer klar. Dazu kann ich den Herren nur sagen: Gewöhnt euch besser dran.»
  1. Frauen in die Führungsetagen! In den Führungsetagen der IT-Unternehmen sollten mehr Frauen sitzen. Wenn die Abteilung aber schon mit Frauen besetzt ist und idealerweise einen weiblichen Boss hat, dann sinkt die Schwelle für Frauen, in einem solchen Betrieb anzufangen. Silke Sünder sagt: «Ich spreche häufig mit Kolleginnen, auch aus anderen Unternehmen. Dabei höre ich immer wieder, dass viele sich mehr weibliche Ansprechpersonen in höheren Positionen wünschen, das setzt Signale und schafft mehr Identifikation.»
  1. Macht Euch locker.Young Professionals und Frauen haben ziemlich ähnliche Ansprüche von Unternehmenskultur: flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien und offene Kommunikation. Junge IT-Unternehmen sind oft von Anfang an in dieser Hinsicht gut aufgestellt, weil sie nicht mit alten Mustern brechen müssen, sondern von Beginn an progressive Strukturen aufgebaut haben. Bei cape IT besteht die Führungsriege schon jetzt fast zur Hälfte aus Frauen.
  1. Es kann nur Gewinner geben, meint Silke Sünder. «Wer sich für Frauen in der IT einsetzt, nimmt Männern nichts weg. Im Gegenteil: Von zeitgemässen, flexiblen Arbeitsstrukturen für Frauen profitieren alle.» Natürlich gebe es Unterschiede zwischen Männern und Frauen. «Aber wenn es um die konstruktive Zusammenarbeit in der IT-Branche geht, ticken doch alle Beteiligten sehr ähnlich.» Besonders im Open-Source-Umfeld stellt sie eine klare Philosophie fest: «Wissen wächst, wenn wir es teilen. Nur mit vereinten Kräften können IT-Unternehmen zukunftsfähig bleiben und den Fachkräftemangel bekämpfen.»

 

 

 


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