News

Interview mit Serge Frech, Geschäftsführer ICT-Berufsbildung Schweiz

Gemäss Studie «ICT-Fachkräftesituation | Bedarfsprognose» von ICT-Berufsbildung Schweiz sieht sich die Schweizer Wirtschaft mit einem gravierenden ICT-Fachkräftemangel konfrontiert. Was sind die zentralen Erkenntnisse der Studie?
11. Juli 2019

Obwohl immer mehr ICT-Fachkräfte ausgebildet werden, kann die steigende Nachfrage weiterhin nicht gedeckt werden. In der Schweiz werden bis ins Jahr 2026 zusätzlich 88'500 ICT-Fachkräfte benötigt. Davon kann lediglich ein Teil durch Neuabsolventen und Zugewanderte abgedeckt werden. Das heisst, über 40'000 zusätzliche Fachkräfte müssten innert sieben Jahren ausgebildet werden. Dieser gravierende Mangel betrifft die gesamte Schweizer Wirtschaft, denn ICT-Fachkräfte sind in allen Branchen tätig. Auch in Fachbereichen wie z.B. HR werden immer mehr spezialisierte ICT-Fachkräfte benötigt, die Software entwickeln und IT-Probleme lösen können. Um den Bedarf besser decken zu können, sind Massnahmen auf allen Bildungsstufen nötig, so auch bei den Weiterbildungen für Erwachsene und der beruflichen Grundbildung. Aber auch Quereinsteiger müssen besser eingegliedert werden.

Was wird konkret unternommen, um dem Fachkräftemangel Einhalt zu gebieten?

In den letzten Jahren wurden viel mehr ICT-Fachkräfte ausgebildet und verschiedene Projekte zur Nachwuchsförderung realisiert. ICT-Berufsbildung Schweiz führt als unabhängige Instanz die eidgenössischen Prüfungen durch. Mit den Revisionen sehen wir zu, dass die Berufsbilder in der beruflichen Grundbildung und in der höheren Berufsbildung zeitgemäss bleiben. Zusätzlich haben wir verschiedene Kampagnen, damit neue Lehrstellen geschaffen werden und Jugendliche sich für einen ICT-Job entscheiden. Dazu gehören auch verschiedene Aktivitäten und Events zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Beispielsweise der Auftritt an den Berufsmeisterschaften SwissSkills in Bern oder die jährlich stattfindende ICT Award Night, wo wir hervorragende Leistungen von ICT-Fachkräften auszeichnen und Unternehmen würdigen, welche sich überdurchschnittlich in der ICT-Nachwuchsförderung engagieren. Aber offen gesagt, das reicht nicht aus: Die Branche und Verbände unternehmen gesamthaft zu wenig.

Was sind die grössten Herausforderungen im Zusammenhang mit der Deckung des ICT-Fachkräftebedarfs?

Wie bereits angesprochen, sind wir darauf angewiesen, dass Wirtschaft und Verwaltung zusätzliche Einstiegschancen schaffen. Da ICT-Fachkräfte jedoch in sämtlichen Branchen benötigt werden – und das wird sich vermutlich in der Zukunft noch verstärken – haben wir sehr verschiedene Zielgruppen. Die Arbeitgebenden müssen davon überzeugt werden, dass die Sicherung eines qualifizierten ICT-Nachwuchses für alle ein Kernanliegen sein sollte und wir jetzt sofort handeln müssen. Da kein übergeordneter Berufsverband existiert, sondern eine Vielzahl an verschiedenen ICT-Verbänden – darunter ICT-Berufsbildung Schweiz, gestaltet sich die Ressourcenbündelung relativ schwierig. Das bedeutet konkret, dass essenzielle Projekte und Revisionen der Berufsbilder gefährdet sind.

Was kann das HR und IT-Management tun, um ICT-Fachkräfte in den Unternehmen zu fördern?

Ein Umdenken hin zu neuen, zukunftsorientierten Berufsbildern ist notwendig. Beispielsweise sind sich viele Unternehmen und Verwaltungen nicht bewusst, was ihnen ein Mediamatiker oder eine Mediamatikerin in der digitalen Kommunikation bringen könnte, weil sie noch in althergebrachten Mustern und Rollenbildern denken. Dieses Umdenken betrifft auch die Förderung von Frauen in ICT-Berufen. Momentan sind nur 15% Frauen in ICT-Berufen beschäftigt. Das heisst, da besteht ein riesiges unausgeschöpftes Potenzial, das mit einem Kulturwandel gefördert werden könnte. Ein weiter Ansatzpunkt wäre, Quereinsteigern – zum Beispiel durch Projektmitarbeit oder Weiterbildungsmöglichkeiten – den Einstieg ins ICT-Berufsfeld zu erleichtern und sie auf ihrem Weg entsprechend zu begleiten. Gerade in der sich rasant verändernden ICT ist es sowieso enorm wichtig, dass Fachkräfte sich weiterbilden und auf dem aktuellsten Stand halten. Die Unterstützung des Arbeitgebers ist dabei von unschätzbarem Wert. Und nicht zuletzt, ich habe es bereits angesprochen, sind Unternehmen gefordert, neue ICT-Lehrstellen zu schaffen. Denn darauf bauen rund 80% der höheren Abschlüsse auf.

Sie haben die Frauenförderung angesprochen: Wie lassen sich mehr Frauen für ICT-Berufe gewinnen?

Erst einmal muss sich die Wahrnehmung der ICT-Berufe in der Öffentlichkeit ändern. Gerade der Informatik haftet weiterhin dieses Nerd-Image an, was den Beruf für Frauen wenig attraktiv macht. Dazu kommt, dass im öffentlichen Diskurs kaum Frauen zu Wort kommen, wenn es um ICT-Themen geht. So ergibt sich eine Art Teufelskreis, der mit zielgruppengerechter Kommunikation und weiblichen Vorbildern durchbrochen werden kann. Aber auch das IT-Management muss für das Thema sensibilisiert werden. Damit Frauen im Informatikbereich tätig bleiben, müssen sich Organisationsstrukturen und -kulturen in Unternehmen und IT-Abteilungen ändern. Arbeitgeber müssen dafür sorgen, dass Saläre, Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen für Frauen verbessert und flexible Pensen und Arbeitszeiten angeboten werden. Idealerweise wird das Interesse an ICT-Berufen bereits bei Mädchen geweckt, beispielsweise durch Schnuppertage, schulische Aktivitäten oder in der Berufsberatung. Auch der Zukunftstag kann genutzt werden, um Mädchen für die ICT zu begeistern. In den letzten Jahren hat sich in dieser Hinsicht bereits einiges getan, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Wie verändern sich die ICT-Berufsbilder? Welche neuen Berufsbilder wird die Zukunft bringen?

Durch die Digitalisierung verändern sich Arbeitsprozesse und Abläufe, die neue Kompetenzen erfordern. Für uns bedeutet das, dass wir neue, spezialisierte Berufe entwickeln und Aus- und Weiterbildungen überarbeiten müssen, damit Absolventinnen und Absolventen den Anforderungen der Wirtschaft gerecht werden. So wird derzeit beispielsweise der neue Beruf Gebäudeinformatiker/in EFZ entwickelt und soeben wurde in Rekordzeit der eidgenössische Fachausweis zum Cyber Security Specialist lanciert, um die dringende Nachfrage nach spezialisierten IT-Sicherheits-Fachkräften möglichst rasch decken zu können. Aber auch ohne unser Zutun entstehen durch die Digitalisierung neue Berufe, beispielsweise Influencer auf sozialen Medien oder Profi-Gamer im E-Sport.

Wie verändert sich die Zusammenarbeit und das Hierarchiegefüge?

Die zukünftigen ICT-Fachkräfte sind es gewohnt in agiler Projektorganisation zu arbeiten und eigenverantwortlich Leistung zu erbringen. Bereits heute wird dies in den Berufsfachschulen und Lehrbetrieben praktiziert. Die Jungen von heute haben keine Probleme, wenn Ihresgleichen die Verantwortung im Rahmen von Projekten oder Teilprojekten übernehmen. Der kritische Diskurs und die offene Meinungsäusserung sind für sie ganz normal. Die Jungen müssen aber auch lernen, dass hohe Ansprüche eine hohe Leistungsbereitschaft erfordern. Wir dürfen die heranwachsende Generation auf keinen Fall unterschätzen. Hier liegt die Herausforderung eher bei erfahrenen Führungskräften, wie sie mit den Ansprüchen der jüngeren Generation umgehen, die Ansprüche an Work-Life-Balance erfüllen und sich selbst in agile Projekte einbringen können.

Welchen Tipp möchten Sie HR Managern auf der Suche nach jungen ICT-Talenten auf den Weg geben? 

Gemäss unserer ICT-LehrabgängerInnen-Befragung sind für junge Berufseinsteiger flexible Arbeitszeiten, Karriere und Weiterbildungsoptionen und eine sichere Stelle ausschlaggebende Kriterien bei der Stellensuche. Wenn Unternehmen dies bieten können, haben sie sicher gute Chancen, junge ICT-Talente für sich zu gewinnen. Damit schaffen Arbeitgeber auch Anstellungsbedingungen, die für junge Frauen attraktiv sind. Wichtig ist zudem, dass offenen Stellen so ausgeschrieben werden, dass sich auch junge Frauen damit identifizieren können.

Wo sehen Sie zukünftige Herausforderungen für die ICT-Berufsbildung? Welche Strategien verfolgt ICT-Berufsbildung Schweiz, um diese zu meistern?

Während wir darum besorgt sind, der Wirtschaft die nachgefragten Fachkräfte zu liefern, müssen wir stets auch sicherstellen, dass wir die Bedürfnisse der nachkommenden Generationen nicht vernachlässigen. Schliesslich sind sie es, die den Beruf wählen oder eben nicht. Es ist wichtig, dass der Nachwuchs die notwendige Werkzeugkiste mit auf den Weg bekommt, um im Arbeitsmarkt zu bestehen – das schliesst Hard und Soft Skills ein sowie das Verständnis, dass wir niemals ausgelernt sind. Mit den neuen Medien verändert sich auch das Lernen und Lehren – da dürfte sich zum Beispiel mit flexiblem, ort- und zeitunabhängigem Lernen in Zukunft einiges tun. Als Sprachrohr der ICT-Berufsbildung müssen wir dafür sorgen, dass unser Verband das notwendige Gewicht erhält, um solche Entwicklungen voranzutreiben. Es ist deshalb prioritär, dass wir neue Strategien zur Finanzierung der ICT-Berufsbildung entwickeln und neue Berufsbilder aufnehmen aber auch Unterstützung aus der Wirtschaft erhalten.


Webdesign by Multi Digital