News

Mit Emotionaler Intelligenz die Krise meistern

Wie können wir uns selbst und andere in Zeiten von Corona, Angst und Unsicherheit führen? Für Isabell Dittmar, HR-Fachfrau und Transformationsbegleiterin, ist Emotionale Intelligenz eine zentrale Fähigkeit, um Krisen und die VUCA-Welt gut zu bewältigen.
17. April 2020 Michaela Geiger

Das aktuelle Umfeld ist für Führungspersonen in Unternehmen herausfordernd. «Eine klare, authentische und wertschätzende Führungspräsenz ist jetzt ganz entscheidend», sagt Isabell Dittmar. «Führungspersönlichkeiten sollen in einem unsicheren Umfeld Vision, Sicherheit und Wertschätzung vermitteln.» Das ist in der aktuellen Lage sehr viel verlangt, weil ja auch Führungskräfte diese Ängste und Unsicherheit haben und deshalb oft in alte ungeliebte Verhaltensweisen zurück fallen. Was also tun?

Wichtig sei, dass Führungskräfte zunächst erst einmal auch auf sich achten – nach dem Motto von Fluggesellschaften: Kümmern Sie sich zunächst um sich und dann um Mitreisende. «Das ist wichtig, auch wenn es schwerfällt», so Isabell Dittmar. Uneigennützigkeit und den Radarblick für andere sei vielen Menschen zwar von klein auf anerzogen. «Doch es macht keinen Sinn, wenn Führungskräfte ausbrennen; dann sind sie weder Vorbild noch vermitteln Stabilität für Ihre Mannschaft.»

 

Was kann man praktisch als Führungsperson für sich tun? Einige Tipps von Isabell Dittmar:

  • Seien Sie wohlwollend mit sich selbst. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass wir durch Selbst-Mitgefühl – im Gegensatz zur üblichen Strategie uns selbst zu kasteien – leistungsfähiger und resilienter werden. Eine Methode ist zum Beispiel, sich in schwierigen Situationen beim Einatmen zu sagen «Ich tue mein Bestes» und beim Ausatmen «alles andere lasse ich los».

  • Bauen Sie Inseln der Achtsamkeit in ihren Alltag ein, in denen Sie zur Ruhe kommen können, z.B. indem Sie beim Waschen der Hände (was wir ja momentan dauernd machen) auf das Gefühl des Wassers auf der Haut achten, oder indem Sie Ihre Besprechungen mit einer Minute Stille beginnen – in der sich die Teilnehmenden auf ihren Atem (oder auf das was für sie in dem Meeting wichtig wird) konzentrieren. Dann sind sie beim Start der Besprechung nicht nur physisch, sondern auch mit ihrer geistigen Aufmerksamkeit voll präsent. Diese «Minute zum Ankommen» haben Firmen wie SAP sogar standardmässig etabliert, weil sich die Effizienz der Meetings dadurch erhöht.
  • Seien Sie klar und wertschätzend in ihrer Kommunikation, indem sie klare Regeln und Grenzen vereinbaren wie z.B., wann sie erreichbar sind und wann nicht, und indem Sie sich bei schwierigen Zeitgenossen innerlich sagen «dieser Mensch hat Ängste und Sorgen – genau wie ich» und ihm/ihr innerlich etwas Gutes wünschen.
    Aus Sicht der Wissenschaft steigert die Wahrnehmung von Ähnlichkeit mit anderen und der Wunsch, dass es anderen gut gehen möge, unser Empathievermögen. Wir kommen dann leichter mit anderen Menschen in Verbindung. In Zeiten von Home Office und «Social Distancing», die wir momentan leben, ist dies enorm wichtig.

 

Es sind Aspekte wie Werte vorleben, Prioritäten setzen, zuhören, Ruhe bewahren, empathisch sein, klare und frühe Kommunikation, Solidarität und Ehrlichkeit, die Isabell Dittmar in Krisenzeiten als essenziell erachtet. Für die HR-Fachfrau und Transformationsbegleiterin sind dies alles Bestandteile emotionaler Intelligenz.

Laut wissenschaftlicher Definition besteht Emotionale Intelligenz aus den Fähigkeiten «Selbstwahrnehmung», «Selbstmanagement», «Motivation», «Empathie» und «Soziale Kompetenz». Kurz gesagt, bedeutet es, sich selbst und andere besser verstehen, motivieren und managen zu können. Isabell Dittmar sagt: «Was vielen nicht bewusst ist: Emotionale Intelligenz lässt sich trainieren, auch bei Erwachsenen. In einer Krisensituation wie aktuell die Corona-Epidemie sind solche Fähigkeiten besonders gefragt.»

Auch für die Arbeitswelt in Nicht-Krisenzeiten ist Emotionale Intelligenz von entscheidender Bedeutung. Sie wurde vom Weltwirtschaftsforum (WEF) als eine der Top 10 Skills nominiert, um künftig erfolgreich zu sein – gemeinsam mit Fähigkeiten wie komplexe Problemlösung, kritisches Denken, Kreativität, People Management und Koordination. Diese Fähigkeiten erhalten wiederum durch Emotionale Intelligenz mehr Kraft und Substanz. Und Anfang dieses Jahres hat das WEF Empathie, eine der wichtigsten Komponenten von Emotionaler Intelligenz, für genauso wichtig für unsere Zukunft deklariert wie Künstliche Intelligenz.

«Emotionale Intelligenz ist also eine grosse Chance auch für die Wirtschaft nach Ende des Corona-Lock downs.», sagt Isabell Dittmar. Und in einer Welt, in der sich gerade sowieso alles verändert, haben wir die Chance, auch uns selbst zu verändern und neue Gewohnheiten und Fähigkeiten aufzubauen.

 

Zur Person

Isabell Dittmar ist Personalleiterin mit internationaler Erfahrung, Transformationsberaterin, Coach und Trainerin mit Zertifizierung. Sie hat 15 Jahre HR-Führungserfahrung bis auf Vorstandsebene in multinationalen Unternehmen und in KMU der Automobil-, Maschinen-, Verpackungsindustrie sowie im Handel. Vor ihrer Karriere in der Personalabteilung war sie als Strategieberaterin bei der Boston Consulting Group sowie im Finanz- und Change-Management bei Robert Bosch tätig.

Sie hat einen Master-Abschluss im Wirtschaftsingenieurwesen vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT, Deutschland) und der École de Management Européen (IECS, Frankreich). Als Trainerin für Emotionale Intelligenz und achtsame Führung sowie zertifizierte Agile und Business Coach hat sie Ausbildungen unter anderem am Search Inside Yourself Leadership Institute, San Fransisco USA, an der MIT Sloan School of Management, USA und bei Goleman EI, USA absolviert.

Das interaktive Vier-Wochen-Programm «Search Inside Yourself» (SIY) wurde bei Google unter Mitarbeit führender Experten der Neurowissenschaften, der Achtsamkeit und der emotionalen Intelligenz entwickelt. Das Programm wird inzwischen weltweit von Grossunternehmen zur Entwicklung von Führungskräften und Teams genutzt.

 

Ein Interview mit Isabell Dittmar in der HR-Fachzeitschrift Persorama, Ausgabe 01-2020, erschienen.


Webdesign by Multi Digital