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Re-Start nach dem «Lockdown» – So lässt sich das Erlebte emotional integrieren

Mit der Corona-Pandemie wird seit fast zwei Monaten der gut eingespielte Tagesablauf vieler Unternehmen drastisch in Frage gestellt. Teams und Führungskräfte agieren im Krisenmodus und fahren «auf Sicht». Wie lässt sich auf Unsicherheit, Überforderung und Ängste reagieren?
03. Juni 2020 - Kristina Casali

Leben geschieht und taucht uns zuweilen in ganz kalte Gewässer: Der wochenlange «Lockdown» als Massnahme auf das neuartige Coronavirus war für viele Menschen – privat und beruflich – eine nie dagewesene Situation, geprägt durch Überforderung, Unsicherheit und Angst. Ein Neustart nach dieser Phase ist nicht einfach.

In schwierigen und potenziell lebensbedrohlichen Situationen folgen Menschen von Natur aus ihrem Überlebensinstinkt. Flucht, Kampf oder Schockstarre sind bekannte «archaische Muster». In Aufruhr kann die Amygdala – dieser winzige Kern von Neuronen im Herzen des Gehirns – alle Arten von Emotionen auslösen, darunter Trauer, Wut und Angst, die den Einzelnen lähmen können. Obwohl auf den ersten Blick unangenehm, handelt es sich bei diesen Emotionen um Signale, die uns etwas über eine gegebene Situation sagen und die wir nutzen können, um die Welt um uns herum genauer zu beobachten und zu analysieren.

Wichtig ist es, über eine gewisse innere Distanzierung einen Weg aus der «Überemotionalisierungsfalle» zu gewinnen und wieder zurück zu Ruhe und mentaler Klarheit zu finden. In einer «Introspektion» können die Geschehnisse hinterfragt werden, zum Beispiel: «Was genau weckt meine Emotionen?» «Welche Gedanken lösen solche Gefühle aus?» «Über welche dieser Elemente habe ich die Kontrolle und was kann ich bewusst in meiner Situation verändern?»

In der Coronakrise hatte niemand die volle Kontrolle über alles, was zuhause und an unserem Arbeitsplatz passierte; aber jeder kann zwischen Ereignissen unterscheiden, die vom eigenen Handeln abhängen, und solchen, die sich unserer Kontrolle entziehen: Dieser Ansatz öffnet den Weg zu einem besseren Verständnis, wie wir Ereignisse wahrnehmen und hilft beim Loslassen, wenn wir keinen Einfluss auf Geschehnisse haben.

 

Emotionale Integration als «lebensrettender Druckausgleich»

Mittels bewusster «Emotionaler Integration» kann Wertvolles entstehen – persönlich, in der Arbeitsumgebung, gesellschaftlich und auch volkswirtschaftlich. Die bewusste Konfrontation mit negativen Emotionen und ihre bewusste und gezielte Integration erschliessen neue Handlungsalternativen und verhelfen zu konstruktiven Lösungen aus den ungewollten Lebenstauchgängen. So entstehen aus Krisen Out-of-the-box-Lösungen, aus der Überforderung Wertschöpfung – zum Beispiel, wenn ein Telekommunikations-Experte in die Medienbranche wechselt, wo er für einen erfolgreichen Turnaround sorgt; wenn aus einer Journalistin eine Dozentin wird, welche die Leadership-Ansätze der Medienbranche bestimmt, oder der Bewegungsdrang im Zuge einer posttraumatischen Belastungsstörung eine Betriebswirtschaftlerin zu einer erfolgreichen Tanzkarriere führt.

Wenn wir innehalten und schwierige Emotionen zulassen, mit ihnen in den Dialog treten und reflektieren, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten und konkrete Ideen. Vor allem schöpfen wir neue Kraft und Energie daraus. Dazu braucht es eine extreme Überwindung und den Mut, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen, sich dem Erstickungs- oder Luftmangelgefühls auszusetzen und sich mit unerträglichen Emotionen als Tauch-Buddy anzufreunden; mit ihnen richtig auf den Grund zu gehen. Das klingt zunächst kontraintuitiv und paradox: Solche Emotionen werden ja in der Regel verurteilt und unter dem Teppich gekehrt. Genau diese bergen jedoch das grösste Potenzial, weil noch nicht exploriert und erobert. Diversifikation führt Unternehmen zu neuen Geschäftsbereichen; dem Menschen gelingt Wachstum, indem er die eigene innere Schatten-Welt ergründet und so auch in die Aussenwelt zu neuen Ufern gelingt.

 

In drei Schritte zur wertschöpfenden emotionalen Integration

  1. Druckausgleich «Beobachtung»: Erlauben Sie sich mitanzusehen, wie Emotionen Ihr System überfluten, und seien Sie dabei Ihr eigener «externer Beobachter». Gefühle entfalten ihren Nutzen erst, wenn wir sie (an)erkennen und mit der Angst, Ohnmacht, Unsicherheit oder Ratlosigkeit dasitzen, ohne zu versuchen, die Erfahrung zu verändern, die Gefühle zu intellektualisieren, oder mit falscher Positivität davonfliehen. Wenn wir dem Unbehagen diesen Raum zugestehen und es annehmen, erleben wir eine Aufweichung.

 

  1. Apnoe-Tauchen lernen ­– «Dialog zwischen Herz und Verstand»: Jetzt heisst es, mit den eigenen Gefühlen in Dialog zu treten und zuzuhören, was sie uns hineinflüstern wollen. Worauf machen sie uns aufmerksam? Wie helfen sie uns konkret, aus der misslichen Lage herauszutreten? Dadurch erkennen wir ihre unbewusste Absicht und können wichtige Erkenntnisse ableiten; ganz egal, ob wir später einen weiteren Schritt aus der Komfortzone herauswagen, oder uns mit der Situation abfinden.

 

  1. Auftauchen und neue Ufer anpeilen: Aus der reflektierten Beobachtung der eigenen Gefühle gelangen wir zu Schlussfolgerungen und Handlungsmöglichkeiten, die einen wichtigen Wandel ermöglichen: In der Akzeptanz und Toleranz – anstatt der Ablehnung und Flucht ­– entstehen plötzlich grundlegende Aha-Erlebnisse und häufig auch Innovation. Gerade neue Wege sind in der heutigen Welt notwendig und für die Wertschöpfung nützlich.

 

Auftauchen in einer neuen Welt

Mit der Corona-Krise ist die Arbeitswelt abrupt in fast surreale VUCA-Gewässer eingetaucht. Unternehmen, ihre Angestellten und Führungspersonen lernen jetzt, aus der Situation möglichst Positives abzugewinnen. Die erste Phase ist erfolgreich bewältigt: Home Office und neue Technologien wurden eingeführt, auch dort wo es unmöglich schien; Führungskräfte lernten, vertrauensvoll aus dem Home Office zu führen – und luden zum «virtual apero» ein.

Nach jedem Lebens-Lockdown folgt eine Lockerung. In dieser neuen Phase ist es wichtig, die Orientierung erneut zu finden und bekannte sowie neue Fähigkeiten richtig einzusetzen. Wir werden aus der Krise erfolgreich emporsteigen, wenn wir – neben den bekannten Wegen - auch unsere persönlichen und kollektiven Emotionen bewusst und mutig angehen: weg von den archaischen Mustern, hin zu neuen Ansätzen und integrativen Lösungen. Eine Kollegin hat kürzlich geschrieben, Leben geschieht zwar, wichtiger sei jedoch, was wir daraus machen. Wenn wir im Emotionsmeer gezielt tauchen lernen, tauchen wir als Gewinner wieder auf: Mit klarem Verstand, neuer Lebenskraft und zukunftsträchtigen Ideen.

 

 

Die Autorin:

Kristina Casali, lic. oec. HSG, zertifizierte Einzel- und Team-Coach, HR-Expertin und Erwachsenenbildnerin, hat sich aufs Management sozialer Prozesse aus betriebswirtschaftlicher Sicht spezialisiert. Mit lydiant.ch begleitet sie Führungskräfte und Teams in der Steigerung ihrer Produktivität auf eine gesunde und menschliche Art und Weise.


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