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Studie: Start-up Nation Schweiz ist ein Mythos

Die Freiburger Hochschule für Wirtschaft (HSW-FR) hat in einer Studie untersucht, inwieweit die Schweiz eine «Start-up Nation» ist. Das Ergebnis ist ernüchternd.
23. August 2019 Michaela Geiger

Der Bericht des Global Entrepreneurship Monitor 2018/2019 über die Schweiz veranschaulicht nationale Unterschiede in der unternehmerischen Tätigkeit zwischen 32 Volkswirtschaften; er zeigt die Faktoren auf, die Art und Umfang der nationalen unternehmerischen Tätigkeit bestimmen, und identifiziert politische Implikationen zur Förderung des Unternehmertums in der Schweiz.

Der Befund der School of Management Fribourg (HEG-FR), Mitglied der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO), in der Schweizer Ausgabe des Global Entrepreneurship Monitor (GEM) ist eindeutig: Die Schweiz sei «weit davon entfernt, eine Start-up-Nation zu sein». Das unternehmerische Engagement ist nach Beobachtung der Wissenschaftler in den vergangenen Jahren zurückgegangen und liegt unter dem Niveau von Vergleichsländern mit hohem Einkommen. In der hiesigen Bevölkerung beabsichtigten weniger Menschen ein Unternehmen zu gründen als noch 2017. Bekundeten 2017 noch 10,5 Prozent der Befragten die Absicht, eine Firma zu gründen, seien es im Untersuchungszeitraum 2018/2019 noch 6,9 Prozent gewesen. Tatsächlich hätten nur 7,4 Prozent der Schweizer ein Unternehmen ins Leben gerufen, was die Gründungsrate in den Vergleichsländern (19.4 Prozent) markant unterschreite.

Zudem sehen Schweizer Bürgerinnen und Bürger Entrepreneurship als eine weniger günstige Berufswahl als im internationalen Vergleich. Das Renommée, ein erfolgreicher Unternehmer zu sein, und die Aufmerksamkeit der Medien für Unternehmertum in der Schweiz sei gesunken. Die Start-up-Szene in der Schweiz sei stark von Zürich und dem Genferseegebiet geprägt.

 

Mythos: hohe Zahl junger erfolgreicher Entrepreneure
Die Studie zeigt auch auf, dass unternehmerische Aktivitäten in den Altersgruppen der 18- bis 24-Jährigen in den vergangenen Jahren zurückgegangen und deutlich geringer sind als in anderen Nationen. Nur gerade 2,2 Prozent von ihnen sind gemäss der Studie an der Gründung eines Unternehmens oder der Leitung eines Startups beteiligt. Damit liegt die Schweiz auf Platz 30 von 32 Ländern mit hohem Einkommen. Nur in Polen und Zypern ist das Interesse an Unternehmensgründungen in dieser Altersgruppe noch geringer.

Bei den 18- bis 24-jährigen Schweizern sehen nur 15,4 Prozent der Befragten unternehmerische Chancen in ihrem Umfeld. «Daraus schliesse ich, dass unser Unterstützungsangebot, das nicht nur, aber vor allem in den und um die Universitäten und Fachhochschulen stattfindet, in Tat und Wahrheit die falsche Altersgruppe anspricht», resümiert Rico Baldegger, Professor  für Strategie, Innovation und Entrepreneurship  an der School of  Management  in Fribourg und Direktor der School  of  Management  Fribourg  (HEG-FR). Denn unter den 35- bis 54-Jährigen sehen fast die Hälfte Chancen in ihrem Umfeld.

Sofern in der Schweiz ein neues Unternehmen gegründet wird, basiert dies offensichtlich auf hochwertigen Geschäftsideen. Denn laut Studie gründen hierzulande überdurchschnittlich viele Unternehmer eine Firma, weil sie sich gute Marktchancen und eine Verbesserung ihrer Einkommenssituation erhoffen. Nur 7,4 Prozent handeln aus einer Zwangslage wie etwas Arbeitslosigkeit heraus.

 

Nur wenige Frauen gründen Unternehmen

Der Anteil Schweizer Frauen an Firmengründungen ist gering: Nur 4,7 Prozent von ihnen sind bereit unternehmerisch tätig zu werden, während es unter den Männern fast zehn Prozent und damit rund doppelt so viele sind. Damit landet die Schweiz bei der Diversität auf der viertletzten Position.

 

Ernüchternde Resultate trotz guter Rahmenbedingungen
Die  Studie kommt zu dem Schluss, dass diese beobachtete Entwicklung nicht an einem ungünstigen Umfeld für Firmengründungen liegt. Im Gegenteil werde in der Schweiz viel in die Unterstützung der unternehmerischen Aktivitäten auf kantonaler und nationaler Ebene investiert, sowie in eine bedeutende Anzahl von Aus- und Weiterbildungsprogrammen, in Corporate Venture Initiativen, unternehmerisches Engagement und direkte Förderung von Projekten und Start-up-Unternehmen. Auch Start-up- und Innovationspreise seien Bestandteil dieses Engagements. Einige Rahmenbedingungen hierzulande erhielten ausgezeichnete Beurteilungen im internationalen Vergleich. So etwa die Infrastruktur, die Regierungsprogramme, der R&D-Transfer und die Ausbildung nach der Sekundärstufe.

Die dennoch ernüchternden Resultate basieren nach Einschätzung der Wissenschaftler mutmasslich auch auf einer schlechteren Selbsteinschätzung der potenziellen Firmengründer in der Schweiz. So zeigten sich 36,3 Prozent wenig zuversichtlich in Bezug auf ihre Gründer-Fähigkeiten. Nur Italien rangiert hier in der Rangliste der Länder mit hohen Einkommen hinter der Schweiz.

Fast 40 Prozent der Befragten in der Schweiz äusserten zudem Angst vor einem Scheitern. Dies ist eine deutliche Zunahme von über zehn Prozentpunkten gegenüber 2017. Die Zuversicht schwinde seit 2013, so die HSW-FR, und liege mittlerweile auf dem niedrigen Niveau von 2012. Professor Rico Baldegger kommt daher zu dem Schluss: «Der Unterschied zu den Spitzenländern mit Blick auf eine unternehmerische Tätigkeit ist 2018 grösser geworden. Diese Ergebnisse sind kritisch und müssen in den nächsten Jahren genau beobachtet werden.»

 

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Die School of Management Fribourg (HEG-FR), Mitglied der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO), hat in Zusammenarbeit mit SUPSI Manno in der Schweiz Daten für den internationalen Global Entrepreneurship Monitor (GEM) erhoben.  2448 Telefoninterviews und 36 Expertengespräche zeigen unternehmerische Einstellungen, Aktivitäten und Wünsche auf und identifizieren die Faktoren, die Art und Umfang der unternehmerischen Aktivitäten beeinflussen.   Die Vergleichsländer mit hohem Einkommen sind Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Irland, Israel, Italien, Korea, die Niederlande, Slowenien, Spanien, Schweden, UK und die USA.

Die Studie kann als PDF von der Website der HSW-FR heruntergeladen werden.

Weitere Informationen: www.gemconsortium.org und www.heg.fr.ch/GEM

 

 


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