Viele Unternehmen sind inzwischen dazu übergegangen, ihre Stellen systematisch mit einem 80- bis 100 Prozent- Pensum auszuschreiben, um die Reichweite und Attraktivität ihres Jobangebots zu erhöhen. 37 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten Teilzeit, das sind in Zahlen 1,7 Millionen Teilzeitler 59 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer arbeiten Teilzeit. In Europa liegt die Schweiz beim Teilzeitanteil an zweiter Stelle hinter den Niederlanden. Weitere Zahlen rund um die Teilzeiterwerbstätigkeit liefert das Bundesamt für Statistik (BfS).
Regelmässig News zum Thema publiziert zudem Teilzeitkarriere.ch, Internetportal für Teilzeitstellen.
 
Teilzeit auch im Kader

Teilzeitarbeit und anderen flexible Arbeitszeitmodelle sind in vielen Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Beispiel Zühlke Engineering AG: Als Umsetzungspartner für Produkt- und Softwarelösungen sowie Prozessoptimierung hat das Unternehmen permanent mit Veränderungen zu tun, die die Gesellschaft voranbringen.
«Wir sind dann erfolgreich, wenn unsere Kunden erfolgreich sind und der Schlüssel dazu liegt in unseren Mitarbeitenden», sagt Aglaia Trapp, Head Employer Branding bei Zühlke. Die Nachfrage an Teilzeitmöglichkeiten ist über die Jahre stetig gewachsen und darauf wurde entsprechend reagiert. «Unsere positiven Erfahrungen mit Teilzeitstellen bestätigen uns immer wieder. Denn der entscheidende Faktor für die Leistung ist der Einsatz, nicht das Pensum», so Aglaia Trapp. Auch im Kader sind bei Zühlke diverse Positionen in Teilzeit besetzt.

 
Flexible Arbeitsmodelle

Auch die Siemens Schweiz AG ermöglicht seit mehreren Jahren gezielt Teilzeitarbeit und andere flexible Arbeitszeitmodelle. «Zukunftsträchtige Arbeitskultur zu fördern ist uns ein grosses Anliegen» sagt Garry Wagner, Head HR bei Siemens. «Wir sind überzeugt davon, dass wir damit die Motivation unserer Mitarbeitenden und den Erfolg unseres Unternehmens nachhaltig steigern werden.» Die Möglichkeiten der Arbeitszeitmodelle sind individuell und werden an die Bedürfnisse der Mitarbeitenden angepasst.

Andy Keel, Initiator von Teilzeitkarriere.ch und «Teilzeitmann», betont: «Echter Kulturwandel im Unternehmen gelingt nur, wenn das Topmanagement dahintersteht und auch Top Down gefördert wird.»
Das bestätigt auch Garry Wagner und berichtet von Umsetzungsbeispielen bei Siemens. «Das Topmanagement bekennt sich immer wieder an Veranstaltungen und in Botschaften an die Belegschaft zu flexiblen Arbeitszeitmodellen. Wir haben Vorbilder in Mitarbeiterporträts sichtbar gemacht, die flexible Arbeitszeitmodelle leben. In Kulturveränderungsveranstaltungen erhalten Führungskräfte und Mitarbeitende bei uns die Gelegenheit, sich bereichsübergreifend zum Thema auszutauschen.» In Zukunft will das Unternehmen auch Führungskräfte- Workshops zur Förderung flexibler Arbeitszeitmodelle anbieten.
 

Mehr Zeit für das Privatleben

Generell nimmt in den Industriestaaten die Teilzeitarbeit zu und ist in der Schweiz eine sehr weit verbreitete Arbeitsform, allerdings bislang vorwiegend für Frauen. Der Anteil unter Angestellten mit Teilzeitpensum stieg seit den 1990er-Jahren von 27 Prozent der Angestellten auf über 36 Prozent. Fast drei Fünftel der erwerbstätigen Frauen sowie rund 14 Prozent der erwerbstätigen Männer arbeiten Teilzeit.
Das zunehmende Angebot an Teilzeit- Jobangeboten geht einher mit veränderten Realitäten in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt: Menschen im erwerbsfähigen Alter wünschen sich mehr Autonomie sowie freie Zeit.
Zudem stellt das moderne Arbeitsleben hohe Anforderungen an die heutigen Mitarbeitenden. Das Berufs- und Familienleben nach der Geburt eines Kindes oder während einer schweren Erkrankung innerhalb der Familie unter einen Hut zu bringen, wird zunehmend zur Herausforderung. Mit einem Teilzeitengagement bleibt genügend Zeit für Betreuung von Kindern und Angehörigen, Erholung, Freizeit, Hobbys und Auftanken oder auch Aus- und Weiterbildung, Doktorarbeit, politisches Engagement oder Ehrenamt.
 

Teilzeit = moderner Lebensstil

Weniger zu arbeiten passt auch zum modernen Lebensstil des Downshiftings («Freiwillige Einfachheit»). Karriere machen um jeden Preis? Für viele jüngere Menschen ist das nicht mehr erstrebenswert. Stattdessen wünschen sich manche Stellenbewerber der Generation Y, schon beim Berufseinstieg nur Teilzeit zu arbeiten.

Teilzeit hat auch für Unternehmen Vorteile. Der Arbeitgeber kann die Mitarbeiter so einteilen, wie es der Betrieb erfordert. Aus gesundheitlichen Gründen nicht voll belastbare Mitarbeiter bleiben im Arbeitsverhältnis. Mit Altersteilzeit wird ein gleitender Übergang in den Ruhestand möglich. Da für Teilzeit-Mitarbeitende tendenziell mehr Erholung möglich ist, bringen solche Mitarbeitende oft eine höhere Leistung ein als 100-Prozent-Angestellte.
Im Management ist die Teilzeitarbeit bislang vergleichsweise selten anzutreffen – und oft nicht gerne gesehen. Präsenz und Anwesenheit am Arbeitsplatz wird trotz Bekenntnis zu einer agilen und flexiblen Arbeitsweise von Organisationen oft immer noch erwartet. Von Führungskräften wird insbesondere – neben der zeitlichen und räumlichen Verfügbarkeit – auch eine «motivationale Verfügbarkeit» und «Hingabe» an das Unternehmen verlangt. Der Preis für die hohe Verfügbarkeit war – zumindest in der Vergangenheit – die Aussicht auf eine respektable und finanziell gut dotierte Berufslaufbahn.

 
Teilzeit im Management ist (noch) die Ausnahme

Teilzeit und Management ist auch ein Diversity-Thema. Sozialwissenschaftler des Social Science Research Center Berlin stellten in einer Studie fest, dass auch auf Führungsebene Teilzeit eine «Frauendomäne » ist und Teilzeitarbeit im Management stark von der Arbeitszeit- und Geschlechterkultur des jeweiligen Landes beeinflusst wird. Gemäss ihrer Analyse könnte eine grössere Verbreitung von Teilzeitmanagern «die Akzeptanz für teilzeitarbeitende Männer auf allen betrieblichen Ebenen erhöhen und eine gleichmässigere Verteilung von Führungspositionen und Arbeitszeiten für beide Geschlechter begünstigen».

 
Bezahlte Elternzeit für Väter

Im Familienkontext erleichtert Teilzeit den Eltern, nach einer Babypause wieder im Beruf Fuss zu fassen und somit Familie und Beruf zu vereinbaren. Noch nehmen dieses Angebot in der Schweiz überwiegend Frauen wahr. Ernst mit  familienfreundlichen Arbeitsbedingungen macht Microsoft Schweiz mit der Einführung eines bezahlten Vaterschafts- und Pflegeurlaubs. Junge Eltern haben Anspruch auf bezahlten Urlaub, der auch in der Schweiz deutlich über das gesetzlich vorgeschriebene Obligatorium hinausgeht. Frischgebackene Mütter können sich neu 20 Wochen bei voller Bezahlung um ihren Nachwuchs kümmern. Väter erhalten per sofort bei 100 Prozent Lohn sechs Wochen Vaterschaftsurlaub. Letzteres gilt auch für Paare und Partnerschaften, die ein Kind adoptieren oder ein Pflegekind bei sich aufnehmen.

Zusätzlich zum erweiterten Elternurlaub gewährt Microsoft den Mitarbeitenden die Möglichkeit, vier Wochen bezahlten Urlaub in Anspruch zu nehmen, um sich bei einer schweren Erkrankung innerhalb der Familie um die Pflege der Liebsten kümmern zu können. Im Allgemeinen sind dies Ehegatten, Lebenspartner, Eltern, Schwiegereltern, Geschwister oder eine Person, mit welcher der Mitarbeitende in einer engen Beziehung steht.
«Wir erwarten von unseren Mitarbeitenden, dass sie während der Arbeitszeit voll präsent sind und Leistung bringen. Doch es gibt auch Zeiten, in denen die volle Aufmerksamkeit alleine der Familie gehören muss,» sagt Caroline Rogge, HR-Verantwortliche bei Microsoft Schweiz. «Um diesem wachsenden Bedürfnis gerecht zu werden, verbessern wir unsere Familienurlaubsleistungen. Dies, damit sich unsere Mitarbeitenden ausreichend um die Menschen kümmern können, die ihnen am wichtigsten sind.»